Nils und Michel Kremer pfeifen ab der kommenden Saison eine Liga höher – ein Doppelinterview über Aufstiege, Familientradition und den Preis des Erfolgs.
Zwei Brüder, zwei Aufstiege, ein Sommer: Nils Kremer pfeift ab sofort in der Basketball-Bundesliga, der höchsten deutschen Spielklasse. Sein jüngerer Bruder Michel steigt zeitgleich in die Pro B auf. Beide kommen aus Wuppertal, beide haben ihre komplette Laufbahn beim Westdeutschen Basketball-Verband durchlaufen – vom Kreis bis in den Profibereich.
WBV-Pressesprecher Rüdiger Tillmann hat die beiden zum Doppelinterview getroffen: über Etappenziele statt großer Träume, den Alltag zwischen Halle und Hörsaal – und eine Familiengeschichte, die den Titel dieses Artikels erklärt.
Rüdiger Tillmann: Michel, Nils, herzlichen Glückwunsch zum Aufstieg! Wie hoch geht es für euch beide hinaus?
Michel Kremer: Ich habe letzte Saison in der Regionalliga gepfiffen und steige über den Quereinstieg in den DBB-C-Kader auf. Ab der neuen Saison pfeife ich in der Pro B.
Nils Kremer: Ich war letzte Saison in der Pro A und steige über den EVA-A-Kader in die Basketball-Bundesliga auf. Höher geht es in Deutschland nicht.
Tillmann: Ihr habt beide eure Wurzeln im WBV.
Nils Kremer: Wir haben beide im WBV angefangen, kommen beide aus Wuppertal und haben die ganze WBV-Laufbahn durchlaufen, Liga für Liga. Beide sind wir noch für den Verband aktiv: Michel ist Teil der Förderung von Bezirksliga bis zur zweiten Regionalliga, ich bin Teil der Kaderführung der Regionalligen.
Tillmann: Was steckt hinter diesen Förderkader?
Michel Kremer: Durch alle Ligen im WBV zieht sich unser Förderprogramm, von der untersten bis zur obersten Liga. Aufgebaut ist es in Perspektiv-Kadern von P4 bis P1: P1 ist der Perspektivkader zur ersten Regionalliga, P2 zur zweiten Regionalliga, P3 zur Oberliga, P4 zur Landesliga. Das WBV-Schiedsrichterwesen teilt sich dabei in zwei Bereiche – die Förderung, für die wir Coachings und Mentoring in den Kadern P4 bis P2 organisieren, und die Kaderführung der Regionalligen, der Nils angehört, inklusive Coachings und Scouting für den P1-Kader und die beiden Top-Kader.
Tillmann: Wie viele Spitzen-Schiedsrichter stellt der WBV eigentlich?
Nils Kremer: Aktuell pfeifen etwa drei bis vier WBV-Schiedsrichter in der Pro B, fünf bis sechs in der Pro A und drei bis vier in der BBL.
Tillmann: Und du kommst jetzt neu in die BBL-Riege dazu.
Nils Kremer: Genau. Die BBL hat den Kader in dieser Saison verjüngt, fünf neue Schiedsrichter sind in die erste Liga aufgestiegen. Ich bin einer von ihnen.
Tillmann: Eine provokante Frage an Michel: Warum erst einmal nur Pro B?
Michel Kremer: Schritt für Schritt. Ich habe gelernt, mir meine Ziele immer nur für eine Saison zu setzen. Mit einem großen Bruder, der schon in der Top-Klasse pfeift, will ich mir nicht zu viel vornehmen und am Ende enttäuscht sein. Letzte Saison war ich noch in der ersten Regionalliga, mein Ziel war der Schritt in die Pro B – das habe ich geschafft. Nächstes Jahr will ich mich dort etablieren, danach setze ich mir das nächste Ziel.
Tillmann: Nils, die Basketball-Bundesliga ist noch einmal eine andere Hausnummer. Wie groß ist der Respekt?
Nils Kremer: Am Anfang sehr groß. Professionalität, Vereinsstruktur und die Größe der Hallen unterscheiden sich noch einmal deutlich von der Pro A. Durch das Aufstiegsprogramm konnte ich im letzten Jahr aber schon elf Spiele leiten. Von Spiel zu Spiel wurde die Aufregung kleiner, ich fühlte mich immer mehr in der Liga angekommen. Jetzt will ich mich in der neuen Liga etablieren und alle Vereine kennenlernen – einige Standorte fehlen mir noch.
Tillmann: Das klingt nach großem Aufwand. Ist das überhaupt noch ein Hobby?
Michel Kremer: Ich glaube schon, dass es irgendwo noch ein Hobby ist, auch wenn der Aufwand riesig ist. Fast jedes Wochenende sind wir unterwegs, Nils hatte letzte Saison ein Auswärtsspiel in Rostock, sogar unter der Woche. Ich habe in der Pro B den Vorteil, dass viele Vereine aus NRW auf relativ wenige Schiedsrichter kommen – das erspart mir hoffentlich die ganz weiten Fahrten. Dazu kommt unser Engagement im WBV-Schiedsrichterwesen: Wir bereiten nicht nur unsere eigenen Spiele nach, sondern begleiten als Schiedsrichtercoaches auch viele Spiele anderer Unparteiischer.
Tillmann: Warum macht ihr euch diese zusätzliche Arbeit?
Nils Kremer: Wir studieren beide Lehramt, und es macht uns Spaß, andere weiterzuentwickeln. Dabei lernen wir selbst viel dazu – wie man Wissen vermittelt und weitergibt. Es ist schön, einen Schiedsrichter über mehrere Jahre zu begleiten und seine Fortschritte mitzuerleben. Wir haben das Förderprogramm früher selbst durchlaufen und wollen etwas zurückgeben an die, die jetzt nach uns kommen.
Michel Kremer: Ich bin gerade erst aus dem eigenen WBV-Nachwuchs herausgewachsen. Der Ausschuss, die Kaderführung und viele Menschen in den Ligen haben Zeit in meine Entwicklung investiert, auch Nils hat mich viel unterstützt. Genau das möchte ich jetzt weitergeben, vor allem an die, die sich selbst engagieren.
Tillmann: Ist Champions League, Weltmeisterschaft oder Olympia ein Ziel?
Nils Kremer: Das ist für mich noch ohne Ende weit weg, daran denke ich aktuell gar nicht. Nur die wenigsten schaffen das, selbst aus der ersten Liga. Ein Traum ist es trotzdem – aber ein sehr ferner.
Michel Kremer: Bei mir ist der Weg noch länger als bei Nils. Deutschlandweit gibt es ca. 30 Plätze im A-Kader, 30 im B-Kader und 40 im C-Kader, ich bin gerade in den Top 100 angekommen. International pfeifen vielleicht 15 Schiedsrichter aus Deutschland. Der Weg ist also weit. Wie Nils setze ich mir kein Fernziel, sondern gehe Saison für Saison vor – und bin glücklich dort, wo ich gerade stehe.
Tillmann: Der WBV hat aktuell zu wenig Schiedsrichter-Nachwuchs. Was würdet ihr jüngeren Menschen sagen – warum lohnt sich eine Schiedsrichterkarriere?
Nils Kremer: Wer nicht mehr selbst spielt, bleibt als Schiedsrichter trotzdem Teil des Sports – und mit jeder höheren Liga rückt der eigene Blick näher ans Geschehen. Michel und ich haben zwar beide gespielt, aber nie auf dem Niveau, auf dem wir heute pfeifen. So erleben wir Spiele aus der ersten Reihe, die wir als Spieler nie erreicht hätten. Ich habe mit 13 angefangen, Michel mit 15 – ehrlich gesagt spielte damals auch das Taschengeld eine Rolle, während andere Kinder in unserem Alter Zeitungen austrugen. Nebenbei haben wir früh gelernt, uns selbst zu organisieren: Ohne Auto mussten wir unsere Anreise mit Bus und Bahn planen, das hat uns im Alltag selbstständig gemacht. Einen großen Teil unseres Freundeskreises haben wir zudem im Schiedsrichterbereich gefunden. Rückblickend hat uns das viele Vorteile gebracht.
Michel Kremer: Vor kurzem sind wir aus dem Urlaub zurückgekommen, mit zwei Schiedsrichterkollegen, die wir ohne die Pfeiferei nie kennengelernt hätten. Dieses Vertrauen, das sich Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter auf dem Feld gegenseitig entgegenbringen, prägt nicht nur die eigene Persönlichkeit, sondern auch die Freundschaften. In der Halle stehen zwei Unparteiische gegen zwei Teams und die ganze Halle – und vertrauen nur der Kollegin oder dem Kollegen neben sich. Diese Basis für Freundschaft ist aus meiner Sicht völlig unterschätzt.
Tillmann: Habt ihr schon einmal zusammen gepfiffen?
Nils Kremer: Schon öfter. Wir sind beide weiter im Kreis Wuppertal aktiv, Michel als Spielleiter, ich bei den Schiedsrichterausbildungen. Dort kümmern wir uns auch um den Nachwuchs und sind ab und zu gemeinsam in der Kreisliga unterwegs. Außerdem pfeifen wir vor allem jetzt in der Saisonvorbereitung häufiger zusammen. Mittlerweile ist das seltener geworden als früher, aber die Einsatzplanung setzt uns aus vielerlei Gründen gern zusammen an.
Tillmann: Irgendwie war euer Weg doch auch vorbestimmt?
Nils Kremer: Wir waren sicher in einer besonders günstigen Lage, um diesen Weg zu gehen: Unsere Mutter hat auf Nationalmannschaftsniveau gespielt und später selbst in der BBL gepfiffen, unser Vater 20 Jahre lang in der ersten Regionalliga im WBV. Von dieser Unterstützung aus dem Elternhaus haben wir sehr profitiert.
Michel Kremer: Im Schiedsrichterwesen spielt Netzwerk eine wichtige Rolle. Dabei habe ich sogar einen kleinen Vorteil gegenüber Nils: Als er seine ersten Spiele pfiff, kannten ihn viele noch über unsere Eltern, sodass von Anfang an eine gewisse Zuordnung da war. Heute kann ich nicht nur auf die Bekanntheit über unsere Eltern zurückgreifen, sondern auch auf meinen großen Bruder, den viele vielleicht erst wenige Wochen zuvor selbst als Schiedsrichter erlebt haben. Diese Netzwerk bietet eine gute Grundlage, auf der wir weiter aufbauen können.
Tillmann: Zum Schluss: Ihr seid nicht zum Schiedsrichter, sondern als Schiedsrichter geboren.
Michel und Nils Kremer: Auf jeden Fall im Basketball geboren. Eigentlich wollten wir Spieler werden – aber unsere Knochen waren wohl eher fürs Pfeifen gedacht.
Nils Kremer
Alter: 27
Wohnort: Wuppertal
Schiedsrichterlaufbahn
• 2017/2018: P1-Aufstiegsprogramm in die 1. Regionalliga
• 2018: Aufstieg in die 1. Regionalliga
• 2020/2021: Aufnahme in das Eva-C-Programm
• 2022: Aufstieg in den C-Kader (Pro B)
• 2023: Rookie des Jahres im C-Kader
• 2023/2024: Aufnahme in das Eva-B-Programm
• 2024: Aufstieg in den B-Kader (Pro A)
• 2025/2026: Aufnahme in das Eva-A-Programm
• 2026: Aufstieg in den A-Kader (BBL)
Größte Erfolge
• Finalspiel Pro B 2023/2024
• Halbfinalspiel Pro A 2025/2026
• DBBL-Finalspiel 2025/2026
• Finalspiel 3x3 Deutsche Meisterschaften
• Finalspiel 3x3 Deutscher Pokal
Michel Kremer
Alter: 24
Wohnort: Wuppertal
Schiedsrichterlaufbahn
• 2017/2018: Hinrunde Kreisliga, Rückrunde Bezirksliga
• 2018/2019: Hinrunde P3-Kader, Rückrunde fest OL-Kader
• 2019/2020–2022/2023: P2-Kader (mit Kreuzband- und Meniskusriss sowie Corona-Unterbrechung)
• 2023/2024: fest 2RL-Kader
• 2024/2025: P1-Kader
• 2025/2026: fest 1RL-Kader + Quereinstieg DBB-C-Kader
• 2026/2027: DBB-C-Kader
SR-Karriere-Höhepunkte
• Pokalfinale 2026
• Finale 1. Regionalliga 2026





