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Mehr Frauen an die Pfeife

Nur eine Schiedsrichterin in der 1. Regionalliga und nur eine in der 2. Regionalliga – das war’s, mehr gibt es nicht. Das soll sich jetzt ändern.

Der Westdeutsche Basketball-Verband will Frauen stärker im Schiedsrichter*innenwesen vertreten sehen.

Und wer wäre für diese Aufgabe besser geeignet als Elisa Martin – eben die einzige Schiedsrichterin in der 1. Regionalliga.

Und die neu geschaffene Position hat auch schonen einen Namen: Beauftragte für Frauenförderung im Schiedsrichter*innenwesen.

 

Elisa, die Bezeichnung ist noch etwas sperrig.

Ja, aber die Aufgabe ist enorm wichtig und für mich auch privat eine echte Leidenschaft.

 

Was genau sind deine Aufgaben?

Die grundsätzliche Förderung von Frauen im Schiedsrichter*innenwesen – von denen, die bereits aktiv pfeifen bis zur Nachwuchsförderung. Ziel ist es, mehr weibliche Schiedsrichter*innen an die Pfeife zu holen und Talente früh zu identifizieren und zu fördern.

 

Warum brauchen wir mehr Frauen als Schiedsrichter*innen?

Das Thema wurde bislang kaum zielgerichtet behandelt. Der Anteil weiblicher Schiedsrichter*innen im WBV und auch im DBB ist sehr gering. Deshalb braucht es gezielte Förderung.

 

Kannst du aktuelle Zahlen nennen?

In den Kadern des WBV sind etwa zehn Prozent weiblich – also von der Bezirksliga bis zur 1. Regionalliga etwa zehn Prozent. Und je höher die Liga, desto weniger Frauen. In der 1. und 2. Regionalliga sind nur zwei Frauen aktiv, eine davon bin ich. Das ist echt zu wenig.

 

Ich frage bewusst provokativ: Warum brauchen wir mehr weibliche Schiedsrichter*innen? Pfeift ihr besser?

Diversität und Gleichberechtigung sind Qualitätsmerkmale für jedes System — auch im Sport. Und: Nachwuchs entsteht durch Vorbilder. Mädchen werden Schiedsrichterinnen, wenn sie Schiedsrichterinnen sehen. Das ist gelebte Gleichberechtigung im Sport. Deshalb brauchen wir mehr Frauen: für Fairness, für Fortschritt und für eine realistische, vielfältige Abbildung unseres Sports.

 

Welche Vor- und welche Nachteile hast du als Frau als Schiedsrichter*in?

Ich habe zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass Männer häufig eine höhere Schwelle haben, mich in Konflikten anzuschreien. Gleichzeitig gelingt es mir oft gut, emotional aufgeheizte Situationen zu beruhigen. Das liegt aber nicht daran, dass Frauen automatisch besser kommunizieren – viele meiner männlichen Kollegen machen das mindestens genauso professionell. Eine Herausforderung ist dagegen, dass ich mein Können häufig erst beweisen muss, bevor mir die gleiche Kompetenz wie meinen männlichen Schiedsrichterkollegen zugetraut wird. Eigentlich wünschen wir uns alle, dass Geschlecht keine Rolle spielt und wir als Schiedsrichter*innen einfach austauschbar sind: gleiche Leistung, gleiche Anerkennung.

 

Zurück zu deiner neuen Position. Wie bist du dazu gekommen?

Ich bin im WBV die höchstprädestinierte Schiedsrichterin. Im vergangenen Jahr hat Alex (A.d.R. Alex Sauer, Vizepräsident Schiedsrichterwesen im WBV) mich angesprochen. Eigentlich wollte er mich nur für eine Maßnahme gewinnen und schon war die neue Position geschaffen (lacht). Ein eher unkomplizierter Prozess.

 

Was ist nun geplant?

Viele Angebote für Frauen im WBV und dann speziell für die Nachwuchs- und Talentförderung. Perspektiv-Kader-Schiedsrichter*innen fördern, wenn möglich, mit Mentorinnen. Das klappt nicht immer, dafür gibt noch zu wenige Frauen. Das wird sich dann in der Zukunft ja ändern!

Und es gibt bereits eine WhatsApp Gruppe und es wird regelmäßig virtuelle Stammtische geben – ein Netzwerk für den Erfahrungsaustauch. Und es gibt einige aktive Bundesligaschiedsrichter*innen aus dem WBV, mit denen ich zusammenarbeiten möchte. Gemeinsam möchten wir verschiedene Angebote für alle Schiedsrichter*innen entwickeln, beispielsweise Vorbereitungsturniere nur für Schiedsrichter*innen. Ideen habe ich mehr als genug …

 

Du überschlägst dich ja förmlich. Die Herren müssen sich warm anziehen. Wie sehen deine Pläne zur „Rekrutierung“ neuer Schiedsrichter*innen aus?

Direkte Pläne gibt es noch nicht, grundsätzlich bin ich mit den Kreisschiedsrichterwarten gut vernetzt. Sie sind näher dran als ich. Viele kommen aus dem Bereich der Spieler*innen, dort wollen wir ansetzen.

 

Was sind kurzfristige und langfristige Ziele?

Kurzfristig geht es darum, mehr Mädchen und Frauen überhaupt für das Schiedsrichter*innenwesen zu begeistern. Und damit natürlich auch die Anzahl der Frauen in den Kadern zu erhöhen, je ausgeglichener, desto besser.
Langfristig möchten wir eine Struktur aufbauen, in der weibliche Schiedsrichter*innen keine Ausnahme sind, sondern selbstverständlich vertreten sind. Repräsentation spielt dabei eine große Rolle: Je mehr Vorbilder auf dem Feld stehen, desto eher sehen sich Mädchen selbst in dieser Rolle.

 

Jetzt hast du 30 Sekunden für einen Werbespot: Warum sollten Frauen im Basketball pfeifen?

Es geht nicht nur um Frauen, sondern generell um den Mehrwert der Tätigkeit. Ich ziehe so viel Energie, Freude und Leidenschaft daraus, Spiele zu leiten. Ohne Schiedsrichter*innen gäbe es keine Spiele. Das Schiedsrichtern ist eine Herausforderung, die mich motiviert und bereichert. Es geht um Selbstbewusstsein: Wenn ich mich auf dem Feld durchsetzen kann, überträgt sich das auch in meinem Alltag. Schiedsrichtern, das hat meine Persönlichkeit positiv geprägt. Ohne das Pfeifen wäre ich heute vermutlich eine andere Person. Und das wäre schade, denn ich mag mich so, wie ich bin.

 

Über Elisa Martin

Elisa Martin ist 32 Jahre alt, gebürtige Hessin aus der Nähe von Frankfurt/Main und wohnt seit 2017 in Bonn. Die studierte Psychologin pfeift bereits 2009 mit Lizenz und seit 2018 für den WBV. Mittlerweile ist Elisa Marin in ihrer zehnten Regionalligasaison.